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Oliver Tolmein

Schneller, gleicher - und gesperrt

Der Fall Pistorius und die Folgen: Werden die Paralympics den Olympischen Spielen den Rang ablaufen?

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2008, Nr. 15, S. 35
Der beinamputierte Südafrikaner Oskar Pistorius wurde für die Olympischen Spiele gesperrt, weil er vor nichtbehinderten Läufern einen Vorteil haben soll.

Oscar Pistorius kann stolz auf sich sein. Wie auch immer sein Streit mit den internationalen Sportfunktionären um seine Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Peking (F.A.Z. vom 15. Januar) ausgeht, der "Schnellste auf keinen Beinen" hat es auf jeden Fall geschafft, in die Debatte über Behindertensport einen ganz neuen, gar nicht mehr mitleidsvollen Ton zu bringen. Angesichts des jungen Südafrikaners, der mit seinen Karbonprothesen zwar keine Weltbestzeiten läuft, aber doch schnell genug, um viele Spitzenläufer auf zwei Beinen hinter sich zu lassen, werden nun Reglements und Gutachten in Stellung gebracht, um "die Reinheit des Sports" zu verteidigen und zu verhindern, "dass es demnächst ein Hilfsmittel gibt, das sich jemand auf den Rücken schnallt, um damit loszufliegen" - eine Schreckensvision, die Elio Locatelli von der Technischen Kommission des Leichtathletik-Weltverbands in die Debatte brachte.

Galten Behindertensportler in der Vergangenheit stets als zwar besonders tapfere Vertreter der letztlich doch bedauernswerten Spezies Behinderte, wird ihnen also neuerdings unterstellt, sie wollten mit besonders raffinierten technischen Hilfsmitteln die nichtbehinderten Leistungsträger auf unfaire Weise um ihre Medaillenchancen bringen. "Techno-Doping" ist der Begriff, der trübe Assoziationen weckt. Visionäre wie Jamais Cascio vom "Institut für Ethik und neu aufkommende Technologien" schüren die Krisenstimmung, wenn sie feststellen, dass die "Evolution der technologischen Verbesserung des Menschen schneller voranschreitet als die natürliche menschliche Biologie. Daher wird es nicht mehr lange dauern, bis die Körperverbesserungen zu Ergebnissen führen, die den natürlichen menschlichen Fähigkeiten zu sportlichen Leistungen weit überlegen sind." Sollte es so weit kommen, würden dann vermutlich die Paralympics zu den sportlichen Wettkämpfen avancieren, für die sich die Weltöffentlichkeit wirklich interessiert, während die klassischen Olympischen Spiele an den Rand gedrängt würden.

Die Juristin Theresia Degener bezweifelt allerdings, dass sich in absehbarer Zukunft nichtbehinderte Menschen Gliedmaßen amputieren und Prothesen verpassen lassen, damit sie schneller laufen, höher springen oder die Kugel weiter stoßen können. Die Rechtswissenschaftlerin, die maßgeblich an der Erarbeitung der UN-Menschenrechtskonvention für Behinderte beteiligt war, begrüßt es zwar als einen Akt von Gerechtigkeit, dass auch bei einem behinderten Sportler genau hingesehen wird, ob er sich einen unlauteren Vorteil verschafft, sie sieht aber konkret die Gefahr, dass Pistorius wegen seiner Behinderung benachteiligt wird, weil Nichtbehinderte möglicherweise nicht ertragen können, dass ihre Leistungen denen eines Behinderten unterlegen sind.


Degener zieht Parallelen zwischen dem aktuellen Fall und einem amerikanischen Rechtsstreit, der 2001 durch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes entschieden wurde. Gegner waren der Golfverband PGA Tour und der gehbehinderte Golfspieler Martin Casey. Die obersten Richter entschieden mit sieben zu zwei Stimmen, dass Casey entgegen den Regeln des Golfverbandes bei Wettkämpfen einen Golfwagen nutzen darf. "Der Oberste Gerichtshof hat zur Begründung dieser Entscheidung das amerikanische Antidiskriminierungsgesetz herangezogen", stellt Degener fest, "und geprüft, ob durch die Verwendung eines Golfwagens wirklich der Charakter des Sports verändert wird oder ob umgekehrt das strikte Verbot, einen Golfwagen zu nutzen, nur eine scheinbar neutrale Anforderung ist, die Behinderte vom Wettkampf fernhalten soll."

Auch damals prophezeiten Funktionäre, dass künftig viele Menschen Behinderungen geltend machen würden, um in den Genuss eines Golfwagens zu kommen. Dazu kam es in der Folge aber nicht, stellt Martin Casey fest: "Die Leute sagten zwar, dass sie auch gerne Golfwagen fahren würden, statt den gesamten langen Parcours zu gehen, aber keiner wollte seine gegen meine Beine eintauschen." Er hat sich in der gegenwärtigen Streitfrage nachdrücklich für Oscar Pistorius' Recht, gegen Nichtbehinderte anzutreten, eingesetzt. "Was diesem jungen Läufer heute entgegengehalten wird, habe ich damals auch zu hören bekommen. Wenn die Funktionäre und Verbände etwas mitbekommen, was ,anders' erscheint, fangen sie an, sich dem zu widersetzen."

Anerkennung von Verschiedenheit einerseits und der Anspruch auf Gleichbehandlung im Sport, aber auch in der Gesellschaft stehen erst am Anfang. Wenn Oscar Pistorius seinen Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof bringt, wird es auch darum gehen, wie die Leistung von Prothesen mit den Leistungen von menschlichen Beinen überhaupt verglichen werden kann - und welche Rolle es spielen soll, dass jemand wie Pistorius ganz andere Hürden zu überwinden hatte, um überhaupt Läufer werden zu können. Kann die Bewertung einer Prothese als Vorteil sich nur auf einen einzelnen Indikator, hier den Energieverbrauch, stützen, oder spielen auch andere Faktoren eine Rolle?

Dass Oscar Pistorius in einem Interview erläutert hat, er fühle sich gar nicht als Behinderter, weil er alles könne, was Nichtbehinderte auch können, und die Prothesen seien ein Teil von ihm und nicht einfach ein Hilfsmittel, das man isoliert sehen könne, wirft ein zusätzliches Schlaglicht auf die Debatte. "Hier darf nicht vorschnell gehandelt werden", setzt sich auch die Sportethikerin Angela Schneider von der Universität von West-Ontario, Silbermedaillengewinnerin im Rudern, für Pistorius ein. "Man verweigert sonst einem Menschen, dass er mit allen seinen Möglichkeiten den Widrigkeiten zum Trotz für seinen Sieg kämpft - das ist aber eines der grundlegenden Prinzipien von Olympia."

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