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Oliver Tolmein

xxy - Eine gute Geschichte unter falscher Flagge

Lucia Puenzos "XXY" ist ein Film über einen Zwitter, der von einer Selbstbehauptung erzählt und symbolisch scheitert.

F.A.Z., 26.06.2008, Nr. 147 / Seite 40
xxy erzählt die Geschichte von Alex, einem 15jährigen Zwitter, der zu sich selbst findet. Der mit vielen Symbolismen beladenen Film steckt voller Assoziationen. Ärgerlich ist der irreführende Titel: "xxy" ist kein Symbol für Zwitter, sondern der Chromosomensatz von Männern mit Klinefelter-Syndrom. Deren Probleme sind aber andere als die über die Puenzo hier erzählt.

Ein junger Mensch liegt mit entblößter Brust auf dem Bett im Zwielicht, durch das Fenster sieht man weit hinten verschwommen die Brandung. "Bei allen Wirbeltieren, auch bei den Menschen, ist das weibliche Geschlecht im evolutionären wie im embryologischen Sinn dominant", liest Alex langsam aus einem Biologiebuch vor, als versuchte sie sich ein schwieriges mathematisches Problem zu vergegenwärtigen, während zu ihren Füßen eine grüne Eidechse nervös und neugierig umherschaut, die plötzlich davonhuscht. Die 15jährige Alex ist intersexuell, viele Eidechsenarten sind eingeschlechtlich, sie brauchen keine Männchen zur Fortpflanzung. Alex, die zu Beginn der ruhig gedrehten Sequenz eine Kortisonpille aus der Schublade genommen, sich auf den Körper gelegt und fortgeschnippst hat, schiebt eine Feder zwischen die Seiten des Buches und klappt es zu.

Gegen Ende des Filmes "XXY", den die junge argentinische Regisseurin Lucia Puenzo gedreht hat, wird Alex mit ihrem Vater, dem Biologen Kraken, darüber sprechen, wie sie weiterleben will. "Du kannst es entscheiden!" - "Was?" - "Was du willst!" - "Und wenn es gar nichts zu entscheiden gibt?" Der knappe Dialog, in dem der Vater über die Möglichkeit von geschlechtszuweisenden Operationen sprechen möchte und die Jugendliche sich dem Entweder-oder verweigert, weil sie auf der Suche nach etwas Eigenem ist, ist eine Schlüsselszene des Filmes.

Nach einer ersten mißglückten sexuellen Begegnung mit Alvoro, dem Sohn von Freunden, und einer Vergewaltigung durch junge Männer aus dem Dorf zieht Alex in dieser wortkargen Begegnung mit dem Vater eine nur auf den ersten Blick überraschende Konsequenz. Sie will nicht einmal mehr eine selbstbestimmte Entscheidung treffen, ob sie eine geschlechtszuweisende Operation machen lassen soll, ob sie zukünftig als Mann leben möchte oder weiterhin als Frau, sie verweigert sich im Gespräch einer Entscheidung überhaupt. Was sollte sie auch entscheiden? So wie der Rückzug ihrer Eltern von Buenos Aires in die rauhe Küstenlandschaft Uruguays nicht die erhoffte Ruhe für Alex und ihre Eltern gebracht hat, wird sich auch durch keinen chirurgischen Eingriff etwas daran ändern lassen, dass Alex als intersexueller Mensch geboren ist und deswegen nie einfach nur Mann oder Frau sein wird. Für sie gibt es keinen Weg in die Normalität. Nicht einmal ihre Entscheidung, den von den Ärzten so dringend empfohlenen Eingriff zu unterlassen, verschafft Alex Freiheit und Selbstbewußtsein, selbst die Nichtentscheidung bleibt als Abwehrmaßnahme noch den von außen vorgegebenen Möglichkeiten verhaftet. Am Ende des Gesprächs mit dem Vater greift Alex hinter sich und gibt ihm das Buch mit der wahrheitswidrigen Behauptung zurück: "Ich habe es zu Ende gelesen." Tatsächlich hat sie nur die Suche nach Argumenten aufgegeben, die ihr doch nicht helfen, ihr Leben in die vorgegebenen Bahnen zu lenken.

Kraken arbeitet in Lucia Puenzos Film als Meeresbiologe, er beobachtet Schildkröten, setzt ihnen Sender auf den Panzer, um sie orten zu können, und versucht sie zu retten, wenn sie sich in den Netzen der Fischer verfangen. Eine Operation, in der einem der archaischen Tiere, deren Geschlecht nicht genetisch bedingt ist, sondern von der Temperatur abhängt, bei der sie aus dem Ei schlüpfen, der Panzer entfernt wird, ist eine der vielen bedeutungsträchtigen Szenen, die Puenzos' Film durchziehen. Sie zeigt uns Ähnlichkeiten, führt uns am Beispiel eines Tankwarts vor, wie verstümmelnd geschlechtszuweisende Operationen wirken, die auch heute noch an Zwittern vorgenommen werden, lässt uns in einem bitteren nächtlichen Gespräch zwischen Alvaro und seinem Vater, dem Chirurgen, daran teilhaben, wie auch der Verdacht, der Sohn könnte schwul sein, die Familienbande belasten kann.

Damit läuft der Film aber Gefahr, an seinem eigenen Thema zu scheitern: Das Vertrauen in die Kraft von Symbolen, die Suche nach den Ähnlichkeiten, die zu Akzeptanz führen sollen, bewirken auch, dass Unterschiede eingeebnet werden und der Blick von konkreten Erfahrungen abschweift. Programmatisch ist hier der Fehlgriff hinsichtlich des Filmtitels: "XXY"soll, teilt uns der Verleih in einer Art Beipackzettel mit, als "dichterische Metapher für Intersexualität stehen": "XXY als Symbol für alle bis heute oft verborgenen, verdrängten und durch Operationen beseitigten Formen der Zwischengeschlechtlichkeit." Aber "xxy" ist keine Metapher, sondern eine konkrete Diagnose für Männer, bei denen das sogenannte Klinefelter-Syndrom festgestellt wird. Die Probleme, die sich für Männer mit einem xxy-Chromosomensatz aus dieser Besonderheit ergeben, haben mit der Situation von Alex, die im Film von ihrer äußeren Erscheinung weiblich wirkt, einen Penis (oder eine große Klitoris) und eine Vagina hat und die daher zu den Menschen mit Adrenogenitalem Syndrom (AGS) gehören wird, wenig zu tun. Männer mit dem "xxy"-Chromosomensatz drohen keine frühzeitigen geschlechtszuweisenden Operationen, sie müssen sich mit schweren Vorurteilen auseinandersetzen: Tatsächlich sind sie weder weniger intelligent, noch sind soziale Anpassungsschwierigkeiten oder psychische Erkrankungen mit dem Chromosomenbefund an sich verknüpft, allenfalls haben die Stigmatisierung und Ausgrenzung der Betroffenen vor allem in der Vergangenheit auch Verhaltensauffälligkeiten zur Folge gehabt. Entsprechend verärgert reagierten jetzt weltweit Betroffenenverbände auf den Film, der durch den Titel unzutreffenderweise suggeriert, dass er von Menschen mit Klinefelter-Syndrom handelt und so zu den schon vorhandenen Fehlvorstellungen neue hinzufügt - möglicherweise mit Folgen, denn der "xxy"-Chromosomensatz wird pränatal diagnostiziert, was oft dazu führt, dass bei einem entsprechenden Befund die Schwangerschaft abgebrochen wird, obwohl die Kinder lebensfähig und keineswegs schwer geschädigt wären. "Durch den Film", befürchtet Andrea Engelken von der Deutschen Klinefelter-Syndrom Vereinigung, "wird die Verunsicherung von Menschen, die mit dieser genetischen Besonderheit zu tun bekommen, verstärkt."

Der Fehlgriff beim Titel und die Fixierung von Lucia Puenzo auf Anspielungen, bildhafte Symbole und Assoziationen sind auch deswegen unnötig, weil der Film seine Stärke daraus bezieht, dass er oft genug seiner konkreten Geschichte vertraut, der Geschichte einer ersten Liebe zwischen einem verunsicherten jungen Mann und einer provozierend auftretenden pubertierenden Intersexuellen. Es sind die zwischen Neugier und Verbitterung changierenden Blicke von Ines Efron als Alex und die ungelenken Bewegungen von Martin Piroyanski als Alvaro, der von Alex in ihren Bann gezogen wird, die sich schließlich einprägen. Alvaro fühlt sich von Alex, so wie sie ist, angezogen, traut sich aber nicht, sich und den anderen seine Neugier an ihr und ihrem Körper einzugestehen. "Was bedauerst du mehr, dass du mich nicht mehr sehen wirst oder dass du es nicht gesehen hast?", fragt ihn Alex kurz bevor Alvaro mit seinem Vater, dem Chirurgen, der Alex durch eine Operation "normalisieren" wollte und seiner Mutter, die Alex für einen Freak hält, abreist und zeigt ihm ihr Geschlecht. Für Alex ist die Provokation keine Befreiung, aber ein Schritt auf dem Weg, zu sich selbst stehen zu können, Alvaro ist verletzt und erregt zugleich, aber er folgt schließlich seinen Eltern zurück in die Welt der Normalität, in der aber auch er seinen Ort noch lange nicht gefunden hat.

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