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Oliver Tolmein

Nachruf auf einen Eigensinnigen

Der Schriftsteller Christian Geissler ist gestorben


Christian Geissler war einer der im deutschen Literaturauftrieb nicht aufging, sondern ihm fremd blieb. Sein Engagement vertrug sich nicht, mit der üblichen Geschäftigkeit. Er schrieb über Klassenkampf und Gewalt, über die Vernichtung der europäischen Juden und den Nationalsozialismus in einer kargen, rythmisierten und manchmal schroffen Sprache, die manchmal verschlüsselt wirkte, aber eigene Perspektiven eröffnete. Weder "kamalatta" noch "Anfrage", auch kein anderer Roman und keiner seiner Gedichtbände sind heute noch über den Buchhandel erhältlich.

Christian Geissler, der am Dienstag in Hamburg 79jährig nach schwerer Krankheit gestorben ist, war im oft geschäftigen deutschen Literaturbetrieb ein eigensinniger Fremder. Lange Jahre lebte er, der gebürtige Hamburger, zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Sabine Peters, abgeschieden im ostfriesischen Rheiderland in einer kleinen, karg ausgestatteten Kate. Ein Feldbett, ein runder Tisch mit Tee, ein Arbeitsplatz - viel mehr gab es dort nicht. Hier, in dieser Landschaft, der er sich so verbunden fühlte, wird Christian Geissler auch nächste Woche beerdigt werden. Hinter seinen Namen setzte er seit vielen Jahren in Klammern ein kleines K: Christian Geissler (k) prangt auch auf den Buchtiteln, die nach 1989 (meist bei Rotbuch, manche bei Nautilus) erschienen sind. Ihm kam es darauf an sichtbar zu machen, dass er Kommunist ist - und er blieb es allen Widrigkeiten und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion zum Trotz, ja vielleicht sogar deswegen bis zuletzt.

Kommunist sein, das hieß für ihn, den ehemaligen Flakhelfer, der in den Sechziger Jahren Mitglied der illegalen KPD wurde und der bald darauf wieder austrat, weil er die Gründung der legalen DKP und deren Politik für einen Irrweg hielt, Stellung beziehen. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Für die DKP war er lange Zeit persona non grata. Er versicherte sich aber auch immer wieder seines eigenen Weges - am liebsten im Gespräch, denn Vereinzelung war das, was er, der zurückgezogen, mit Vehemenz und großer Genauigkeit an seinen Texten arbeitete, auf keinen Fall wollte. Auch Selbstzweifeln an der eigenen Arbeit als Schriftsteller und Intelektueller plagten ihn, weil, wie er in einem Interview mit "konkret" feststellte, mit einer Erzählung und einem Gedicht ein feindlicher Flottenverband nicht aufzuhalten sei. Deswegen unterbrach er gelegentlich seine literarische Arbeit und setzte sich daran andere Texte zu schreiben, Verständigungstexte, Klärungen, kamalatta-Schriften: ""Dissonanzen der Klärung" entstanden so und "Prozess im Bruch". So klar und kompromißlos Geissler seinen politischen Standort bestimmte, so wenig Interesse er an Harmonie und schönem Schein hatte, so sehr war er an Menschen und ihren Geschichten interessiert. Er hörte leidenschaftlich gerne zu – und er schrieb auch, weil er sich wünschte, dass seine Texte andere ermutigen könnten zu reden und dabei ihre eigene Sprache zu sprechen.


Sein in dieser Hinsicht eindringlichstes Projekt war das 1988 erschienene „kamalatta.ein romantisches fragment“, ein Roman, in dessen Zentrum ein fiktiver Anschlag der RAF stand. Anders als andere Autoren distanzierte sich Geissler aber nicht von den Anschlägen und der Gruppe, er reflektiert in dem Buch vielmehr die Rolle des mit der RAF verbundenen Intelektuellen durch sein Alter Ego Proff, dessen Arbeit für einen Fernsehfilm mit den Anschlagsplanungen verwoben ist. Nach Abschluss seiner Arbeit an dem Buch reiste Geissler durch die Justizvollzugsanstalten der Republik, um in dieser gesellschaftlichen Umbruchphase mit den inhaftierten RAF-Gefangenen zu sprechen. Sein Ziel war eine Arbeits-Korrespondenz innerhalb der Linken, zwischen den Gefangenen, den legal und illegal agierenden Gruppen, zu initiieren – den literarischen Text „kamalatta“, für dessen Titel Geissler auf ein Hölderlin-Zitat zurückgriff, war er dabei bereit für dessen politischen Gebrauchswert zurückzustellen: „Ich bin ganz bereit, das Buch zu einem Nutzgegenstand zu machen, beim Auslösen unserer Sprache. Denn das ist mir das Allerunheimlichste in den letzten Jahren: dies Verstummen und diese Neigung, nur noch fertige Sätze rauszulassen, Behauptungen.“ Das Scheitern dieses Projektes - von Geissler jahrelang betriebenen Versuchs - einer grundlegenden, linken Auseinandersetzung über die Anschläge, Attentate und die politischen Vorstellungen aus denen heruas sie verübt wurden, hat der gelegentlich mit Peter Weiss`“Ästhetik des Widerstands“ verglichene literarische durch eine stark rythmisierte, assoziationsreiche Sprache geprägte Text „kamalatta“, wie sich beim erneuten Lesen sofort herausstellt, allerdings überlebt, weil er – auch wenn das damals von der Kritik und der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde – von weitaus mehr handelt, als von den internen Auseinandersetzungen und den politischen Plänen einer klandestinen Gruppe.


Andere Arbeiten von Geissler haben weniger öffentliche (und oftmals empörte) Aufmerksamkeit erfahren. In anderen Texten zeigt sich Geissler auch anders, leichter, wenngleich auch nicht gefälliger: Die Nashornlieder fallen mir hier beispielsweise ein, die er 1990 auf Aufforderung einer Bremer Sonderschulklasse geschrieben hat und deren erstes tonangebend für die widerständigen, aber heiteren Texte ist: „das nashorn mit flügeln/ das wollte nicht bügeln/es reckt seine glieder/und jetzt singt es lieder.“

Mit einem seiner letzten Texte, dem als Heft der Zeitschrift „Die Aktion“ veröffentlichten „In den Zwillingsgassen des Bruno Schulz“, kehrte Geissler, der nach einem Studium der evangelischen Theologie Anfang der Fünfziger Jahre zum Katholizismus konvertiert war und den eine Freundschaft mit Heinrich Böll verband, zu einem seiner schon früh seine Bücher beherrschenden Themen zurück, der Ermordung der europäischen Juden während des Nationalsozialismus.

Zusammen mit seinem Sohn, dem Dokumentarfilmer Benjamin Geissler, hatte er sich 2001 erfolgreich auf die Suche nach verschollenen Wandfresken des polnisch-jüdischen Autors und Zeichners Bruno Schulz gemacht, der 1942 von einem Gestapo-Angehörigen ermordet worden war. Sein letztes Buch, auch in seine Kindheit zurückführendes Buch, das den Arbeitstitel „der schwarze Hund“ trägt, konnte Christian Geissler nicht mehr abschließen. Aber auch seine bereits erschienen Romane und Gedichtbände sind derzeit nicht im Buchhandel zu haben. Die neuen Eigentümer Rotbuch Verlages, der die meisten seiner Arbeiten veröffentlicht hatte, führen ihn nicht einmal mehr in der Autorenliste des Verlages. Allein der Nautilus-Verlag führt die bei ihm veröffentlichten, eher essayistischen Texte, noch in seinem Verlagsprogramm.

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