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Oliver Tolmein

Auf dem Index: Bestechung

Transparency International hat Korruption-Wahrnehmungs-Index erstellt

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2004, Nr. 246 / Seite 40
Die Nichtregierungsorganisation Transparency International dokumentiert, wie Korruption in der Welt wahrgenommen wird. In den Entwicklungsländern verschärft sich die Lage.

Und der Gewinner ist: Finnland. Mit 9,7 von zehn Punkten auf dem Korruptionswahrnehmungsindex zeigt das der Bevölkerung nach kleine, dem Volkseinkommen nach reiche Land, daß Bestechung und Bestechlichkeit effektiv bekämpft werden können. Deutschland erreicht mit 8,2 Punkten Platz fünfzehn und liegt damit im Mittelfeld der westlichen Industrienationen. Die letzten Plätze teilen sich Haiti und Bangladesch mit jeweils 1,5 Punkten. Weil es um internationale Probleme geht und die Universität von Bayreuth, an der Johann Graf Lambsdorff den Index im Auftrag der Nichtregierungsorganisation "Transparency International" auf Basis von Daten der Weltbank und etlicher Forschungsinstitute erstellt hat, eher am Rande des Welt liegt, fand die gestrige Pressekonferenz zum Thema online im Internet statt. Die nun veröffentlichten Daten über weltweite Korruption und Bestechung dokumentieren allerdings nicht das - naturgemäß kaum zu erfassende - tatsächliche Ausmaß, sondern nur deren Wahrnehmung durch Geschäftsleute, Wirtschaftsexperten, Wissenschaftler und Politiker. Die Zahlen lenken den Blick darauf, daß in mehr als zwei Drittel der untersuchten 146 Staaten kriminelle Machenschaften den politischen und wirtschaftlichen Alltag prägen. Sie belegen auch, daß die Initiativen der Vereinten Nationen, das Antikorruptionsabkommen der OECD-Staaten und zahlreiche "Good Governance"-Programme sowie die Selbstverpflichtungserklärungen internationaler Konzerne bislang kaum nennenswerte Erfolge erzielt haben.

Zwar sind in einigen Ländern Fortschritte bei der Bekämpfung der Korruption zu verzeichnen. Diese sind aber, wie in Deutschland, eher gering, und es bleibt, wie Lambsdorff auf der Pressekonferenz anmerkte, unklar, ob wirklich das Ausmaß der Korruption geringer geworden ist oder ob Korruption nur weniger wahrgenommen wird. In den meisten armen Ländern ist der Korruptionswahrnehmungsindex dagegen gestiegen - und es gibt keine Hinweise dafür, daß es sich hier nur um subjektive Empfindungen handelt. Korruption, darauf haben die Ersteller des Index nachdrücklich hingewiesen, nimmt diesen Ländern ihr Entwicklungspotential, weil sie vorhandenen gesellschaftlichen Reichtum, beispielsweise in erdölfördernden Ländern wie Nigeria, das mit 1,6 Punkten auf dem Index Position 144 besetzt hält, abschöpft.

Aufschlußreich ist es, den jetzt für 2004 erstellten Korruptionswahrnehmungsindex mit einem anderen Index zu vergleichen, den Transparency International vor zwei Jahren veröffentlicht hat und der 2005 aktualisiert werden soll: dem "Bribe Payers Index", also einem Index der Länder, deren Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern bereit sind, Bestechungsgelder zu zahlen - schließlich ist Korruption ein komplexes Phänomen, das sich nicht mit Unterentwicklung allein erklären läßt. Neben den Politikern, Verwaltungsbeamten, Richtern oder Polizisten, die sich bestechen lassen, muß es immer auch zahlungskräftige, an Vorteilen interessierte Unternehmen geben, die die Bestechungsgelder zahlen. Im Bribe Payers Index, der nur für fünfzehn exportstarke Länder erstellt wurde, hat Deutschland mit 6,2 von zehn Punkten einen schwachen neunten Platz erreicht - knapp vor Italien und Rußland, deutlich hinter Australien, Schweden und Großbritannien.

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